1925–1927

Aufstieg im Arbeiterboxsport

„Will to Win" und internationale Begegnungen

Nach seiner organisatorischen Formierung entwickelte sich der VfV in den Jahren 1925 bis 1927 zu einer nationalen und internationalen Größe im Arbeiter-Boxsport [2, S. 206]. Sein Sportangebot reichte deutlich über die später besonders bekannte Boxabteilung hinaus: Neben Boxen, Ringen und Gewichtheben wurden unter anderem Artistik, „Jiutsu“, Fußball, Leichtathletik und Handball betrieben [1, S. 272].

 

Im Frühjahr 1925 nahmen VfV-Boxer in Frankfurt an den Hauptausscheidungskämpfen zur ersten Arbeiter-Olympiade teil. Fünf Braunschweiger Boxer konnten sich zunächst qualifizieren; nachdem die Zahl der deutschen Teilnehmer nachträglich verringert worden war, erhielten schließlich L. Weiß, Wilkemeier und Querfurt vom VfV die Teilnahmeberechtigung am Boxturnier [2, S. 207, Anm. 29].

 

Auch bei nationalen Freundschaftskämpfen erzielte die Mannschaft deutliche Erfolge. Gegen eine Hamburger Arbeiterauswahl gewann der VfV mit 7:1 Punkten, gegen eine bayerische Auswahl mit 13:3 und gegen Berlins beste Vereinsmannschaft „Lurich“ sogar mit 14:0 Punkten. Grote bewertet den ausgeprägten „will to win“ der VfV-Boxer jedoch kritisch: Selbst bei Freundschaftskämpfen habe ihr Verhalten nicht mehr dem entsprochen, was innerhalb des Arbeitersports als fair galt [2, S. 207].

 

Im Jahr 1926 unterlag die Mannschaft des VfV nach Grote im Kampf um die Bundesmeisterschaft im Viertelfinale dem späteren Bundessieger, dem Freien Kraftsportverein Essen, mit 6:8, da zwei Braunschweiger Boxer aufgrund von Übergewicht Punkte am „grünen Tisch“ abgeben mussten [2, S. 207].

 

Am 6. November 1925 bestritt der VfV seine erste bislang nachweisbare internationale Begegnung gegen eine Auswahl der Schweizer Arbeiterboxer. Im März 1926 folgte ein Vergleichskampf gegen eine starke lettische Mannschaft, die mit zwei Arbeiter-Olympiasiegern antrat. Der VfV gewann die Begegnung mit 11:5 Punkten [2, S. 208].

 

Abbildung 3: Erste Mannschaft des VfV: In der wahrscheinlichen Reihenfolge von links nach rechts lautet die Beschriftung: F. Weiß, Steinmetz, Leppert, Uhlenhaut, Lehmann, Bö-kemeier, L. Weiß, Querfurt und Meier. Die Zuordnung beruht auf der räumlichen Anordnung der Namen; Verbindungslinien oder eine gesonderte Legende liegen nicht vor [4]. Abbildung 3: Erste Mannschaft des VfV: In der wahrscheinlichen Reihenfolge von links nach rechts lautet die Beschriftung: F. Weiß, Steinmetz, Leppert, Uhlenhaut, Lehmann, Bökemeier, L. Weiß, Querfurt und Meier. Die Zuordnung beruht auf der räumlichen Anordnung der Namen; Verbindungslinien oder eine gesonderte Legende liegen nicht vor [4].

 

Den Höhepunkt der internationalen Entwicklung bildete die Reise der ersten Mannschaft im Oktober und November 1926. Nach Grotes Darstellung reiste sie als erste deutsche Boxmannschaft zu Wettkämpfen nach Lettland und in die Sowjetunion. In Riga, Leningrad und Moskau wurden an drei aufeinanderfolgenden Tagen Kämpfe ausgetragen [2, S. 208].

 

Diese Reise war kein vereinzeltes Ereignis. Grote zählt für die Jahre 1926 bis 1932 insgesamt 16 internationale Wettkämpfe des VfV, wobei der Verein aufgrund der Spaltung der Arbeitersportbewegung in den Jahren 1928/29 nur einen einzigen Wettkampf auf internationaler Ebene führte [2, S. 206, Anm. 28]. Die internationalen Beziehungen bildeten damit einen wesentlichen Teil des sportlichen Profils des Vereins und reichten weit über den Braunschweiger Arbeitersport hinaus.S. 207] (links), Erinnerungsfotografie zum Länderkampf „Rußland–Deutschland“, Oktober/November 1926 [1, S. XIII] (rechts). Ein Zeitungsbericht von 1979 identifiziert den VfV-Boxer Heinrich Bethmann und seinen sowjetischen Gegner Leonid Brest; ihr Kampf im Bantamgewicht endete unentschieden [5].

Abbildung 4.1: „Braunschweiger Boxer in Rußland“ [2, S. 207]
Abbildung 4.2: Erinnerungsfotografie zum Länderkampf „Rußland–Deutschland“, Oktober/November 1926 [1, S. XIII]

Abbildung 4: „Braunschweiger Boxer in Rußland“ [2, S. 207] (links), Erinnerungsfotografie zum Länderkampf „Rußland–Deutschland“, Oktober/November 1926 [1, S. XIII] (rechts). Ein Zeitungsbericht von 1979 identifiziert den VfV-Boxer Heinrich Bethmann und seinen sowjetischen Gegner Leonid Brest; ihr Kampf im Bantamgewicht endete unentschieden [5].

 

Die erhaltenen Aufnahmen vermitteln zugleich einen Eindruck von der damaligen Sportkleidung. Mehrere VfV-Athleten tragen helle, ärmellose Hemden mit einem breiten dunklen Querstreifen. Auf der Erinnerungsfotografie von 1926 ist außerdem ein kleines Zeichen auf der Sportkleidung erkennbar, das in der Chronik zeichnerisch rekonstruiert wurde. Ein Inventarverzeichnis des „Verein für Volkssport 1899 E.V.-Braunschweig“ vor 1932 beschreibt „24 Garnituren, Schwarze Hosen, Grün-weiße Triko mit Wappen“, was Aufschluss über die Farbgebung geben könnte [6].

 Abbildung 5: Eigene zeichnerische Rekonstruktion des auf Fotografien der Sportkleidung sichtbaren VfV-Zeichens. Ein offizieller Logogebrauch ist jedoch nicht abschließend belegt. 

Abbildung 5: Eigene zeichnerische Rekonstruktion des auf Fotografien der Sportkleidung sichtbaren VfV-Zeichens. Ein offizieller Logogebrauch ist jedoch nicht abschließend belegt.

 

Der sportliche Aufstieg ging mit einem wachsenden organisatorischen Einfluss einher. Grote verbindet diese Entwicklung besonders mit Ludwig Weiß und Walter Oppermann. Weiß, der selbst als Schwerathlet aktiv gewesen war, übernahm von 1926–1932 sowohl den Vorsitz des VfV als auch die Leitung des 10. Kreises des Arbeiter-Athletenbundes Deutschlands [2, S. 208]. 

 

Walter Oppermann wurde im März 1926 Boxwart des VfV und stieg innerhalb desselben Jahres zum Gruppenboxwart für Norddeutschland auf. Nach Differenzen, die während der Reise in die Sowjetunion entstanden waren, verließ Oppermann den Verein Anfang 1927 wieder und trat nach Grote später ins „bürgerliche Lager“ über [2, S. 208].

 

Auch als Veranstalter übernahm der VfV eine bedeutende Rolle. Die heimischen Boxkämpfe fanden gewöhnlich im Städtischen Konzerthaus an der damaligen Salzdahlumer Straße, der heutigen Böcklerstraße, statt. Vor den Kämpfen der ersten Mannschaft wurden sogenannte Einleitungskämpfe für den Boxnachwuchs ausgetragen. Orchester oder Kapellen begleiteten die Veranstaltungen musikalisch [2, S. 208–209].

 

Bei internationalen Begegnungen wurden mehr als 3.000 Zuschauer gezählt. Die gut besuchten Veranstaltungen verschafften dem VfV nach Grotes Darstellung eine für einen Arbeiterathletenverein ungewöhnlich solide finanzielle Grundlage [2, S. 209]. Sportlicher Erfolg, Nachwuchsarbeit, Unterhaltung und öffentliche Großveranstaltungen waren damit eng miteinander verbunden.

 

Der sportliche Aufstieg des VfV hatte damit bereits innerhalb der Wettkämpfe eine ambivalente Seite. Der von Grote hervorgehobene „will to win“, die Verteidigung der eigenen Vormachtstellung und das Vorgehen gegen die Gründung weiterer Arbeiterboxvereine zeigen, wie stark Leistungsorientierung und Konkurrenz im VfV an Bedeutung gewonnen hatten [2, S. 207–209]. Dies stand in einem Spannungsverhältnis zu den Idealen des Arbeitersports, welche Gemeinschaft, Solidarität und sportliche Betätigung für möglichst viele Menschen betonten [1, S. 181–186].

 

Nach Grote gründete der VfV im Jahr 1927, um seinen Einfluss weiter auszudehnen, eine zweite Abteilung in Lehndorf [2, S. 209]. Auf dem Höhepunkt seines sportlichen und organisatorischen Einflusses war der Verein bereits eng in die überregionalen Strukturen des Arbeitersports eingebunden.

 

Die internationalen Kontakte und Verbandsfunktionen, die zunächst zu seinem Aufstieg beigetragen hatten, gerieten ab 1928 zunehmend in den Sog der politischen Spaltung der Arbeitersportbewegung.

 

Quellen zu diesem Abschnitt:

[1] V. Denecke, Die Arbeitersportgemeinschaft: Eine kulturhistorische Studie über die Braunschweiger Arbeitersportbewegung in den zwanziger Jahren, Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., Bd. 8 Duderstadt: Mecke 1990

[2] C. Grote, „Arbeiterboxer in der Weimarer Republik: Die Rezeption des Faustkampfes durch die Arbeitersportbewegung am Beispiel des Arbeiterboxsports in den Städten Hildesheim, Braunschweig und Hannover“, Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., S.199–219, Hoya, 1999

[4] B. Wedemeyer-Kolwe, Niedersächsisches Institut für Sportgeschichte e.V., E-Mail an M. Kürzel, 2025. Anlage: [Abzüge aus dem Fotobestand von V. Denecke], unveröffentlicht.

[5]W. Dörling, „Bethmann und die Völkerverständigung“, Zeitungsartikel, 18. Februar 1979, Titel des Zeitungsausschnitts unklar. Auf dem Ausschnitt ist „K.a.S.“ vermerkt, Stadtarchiv Braunschweig

[6] [Mehrere Vermögens- und Inventaraufstellungen des „Verein für Volkssport 1899 E.V. – Braunschweig“ vor 1932 bzw. vor 1933 im Rahmen des Entschädigungs- und Rückerstattungsverfahrens], o. D., Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel (NLA WO), 4 Nds Nr. 2700 und 58 Nds. Fb. 3, Nr. 283, unveröffentlicht.

 

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