1928–1932

Zwischen Sport und Politik

Spaltung, Konflikte und Bedrohung

Der VfV war Teil der sozialistischen Arbeitersportbewegung, ohne sich eindeutig einer einzelnen Partei zuordnen zu lassen. Viola Denecke beschreibt seine Mitgliederbasis als eher linkssozialistisch und charakterisiert den langjährigen Vorsitzenden Ludwig Weiß als „überzeugten Kommunisten und Arbeitersportler“ [1, S. 201]. Zum politischen Selbstverständnis der Mitglieder gehörte es, sich als Privatpersonen an politischen Veranstaltungen und Demonstrationen zu beteiligen sowie in Eigeninitiative, aber aus Vereinszusammenhängen heraus, kleinere Arbeitsgruppen zu gründen [1, S. 201]. 

 

Auch als Verein bezog der VfV öffentlich politisch Stellung. Im Jahr 1928 unterstützte er einen Aufruf für das Volksbegehren gegen den Bau von Panzerkreuzern [1, S. 272]. Ein von Denecke befragter Zeitzeuge erinnerte sich ebenfalls an die Beteiligung von Personen aus dem Vereinsumfeld an Demonstrationen gegen den Panzerkreuzerbau und gegen die Fürstenabfindung. Zugleich schränkte er ein, dass dieses Engagement nicht unbedingt vom Sport ausging, sondern „Da war unser Verein eben“ und die Familie Weiß und dass dies mit einer gewissen Selbstverständlichkeit verbunden war [1, S. 202].

 

Seit 1928 verschärften sich in der Weimarer Republik die Gegensätze zwischen sozialdemokratisch und kommunistisch orientierten Kräften innerhalb der Arbeitersportbewegung. In Braunschweig wurde der organisatorische Bruch zunächst verzögert. Das Arbeiter-Sportkartell hielt trotz national wachsender Spannungen an der Zusammenarbeit beider politischen Richtungen in Braunschweig fest. Noch 1928 und 1929 nahmen Vertreter von SPD und KPD gemeinsam an Veranstaltungen des Braunschweiger Arbeitersports teil [1, S. 88–89].

 

Innerhalb des VfV traten die Konflikte ab 1929 deutlich hervor. Nach Grotes Darstellung sympathisierte offenbar eine Mehrheit der Mitglieder mit der kommunistisch orientierten Opposition, die aus den überwiegend sozialdemokratisch geführten Arbeitersportverbänden ausgeschlossen worden war. Verhandlungen über einen Freundschaftskampf mit einer russischen Boxmannschaft verstießen gegen das Kontaktverbot zwischen der Sozialistischen Arbeiter-Sport-Internationale und der Roten Sportinternationale. Daraufhin drohte der Arbeiter-Athletenbund dem VfV mit dem Ausschluss [2, S. 210]. 

 

Als mutmaßliche Reaktion stellte der VfV seine Mitarbeit im zuständigen Bezirk ein. Als einziges Mitglied des VfV führte Ludwig Weiß seine Tätigkeit als Kreisleiter im Arbeiter-Athletenbund dagegen fort. Angesichts der dominierenden Stellung des VfV innerhalb der Braunschweiger Arbeiterathletik besaß diese Entscheidung erhebliches Gewicht. Grote schreibt ausdrücklich, Weiß habe sich im Konflikt zwischen Sport und Politik für den Sport entschieden und den zuständigen Kreis dadurch zunächst vor der Spaltung bewahrt [2, S. 210]. Für die verzögerte Spaltung der gesamten Braunschweiger Arbeitersportbewegung waren nach Denecke allerdings auch weitere örtliche und organisatorische Faktoren maßgeblich [1, S. 88–91].

 

Die offene Spaltung der Braunschweiger Arbeitersportbewegung setzte nach Deneckes Darstellung ab Anfang 1930 ein. Eine zunehmende Kampagne zur Annäherung an die Sozialdemokratie mündete am 15. Januar 1930 in eine Veranstaltung der SPD zum Thema „Arbeitersport und Sozialdemokratie“. Die KPD mobilisierte ebenfalls zu der Veranstaltung, sodass es zu Tumulten und tätlichen Auseinandersetzungen kam. Wenig später wurden auf der Jahreshauptversammlung des Arbeitersportkartells alle Vorstandsämter ausschließlich mit Sozialdemokraten besetzt. Zwischen 1930 und Ende 1931 folgten Ausschlüsse und Austritte oppositioneller Mitglieder sowie die Gründung kommunistisch orientierter Arbeitersportvereine [1, S. 90–92].

 

Parallel zu diesen inneren Konflikten verschärfte sich das allgemeine politische Umfeld. Seit 1930 war die NSDAP an der Regierung des Freistaates Braunschweig beteiligt; im September 1931 übernahm der Nationalsozialist Dietrich Klagges das Amt des Innen- und Volksbildungsministers. Die zeitgenössische Broschüre Terror in Braunschweig erwähnt bereits für 1931 und 1932 eine zunehmende nationalsozialistische Gewalt gegen politische Gegner und die organisierte Arbeiterbewegung [7, S. 4–5]. Der VfV wird darin nicht ausdrücklich genannt; dies verdeutlicht jedoch das zunehmend bedrohliche Umfeld, in dem der Verein und seine Mitglieder agierten.

 

Die Auseinandersetzungen um die Spaltung schwächten den VfV. Grote zufolge verlor er dadurch seine zuvor dominierende Stellung in der Braunschweiger Arbeiterathletik [2, S. 210]. Der Sportbetrieb kam dennoch nicht zum Erliegen. Ab 1931 erzielten die Boxer wieder größere Erfolge. Bei der zweiten Arbeiter-Olympiade 1931 in Wien wurde der VfV-Boxer Schaper Zweiter im Bantamgewicht [2, S. 213].

 

Auch 1932 trat der VfV weiterhin als öffentlich sichtbarer Sportveranstalter auf. Ein Programmzettel kündigte für den 9. September 1932 im Städtischen Konzerthaus einen „Box-Großkampftag“ gegen „Sparta“ Hannover an. Neben zwei Einleitungskämpfen war ein Mannschaftskampf in acht Gewichtsklassen vorgesehen; begleitet werden sollte die Veranstaltung von der Orchester-Kapelle Heyland [1, S. 273]. Der Programmzettel belegt damit einen weiterhin umfangreichen Sport- und Veranstaltungsbetrieb in den letzten Monaten des Vereins.

 

 Abbildung 6: Programmzettel des Box-Großkampftages zwischen dem VfV und „Sparta“ Han-nover im Städtischen Konzerthaus am 9. September 1932. Neben zwei Einleitungskämpfen waren acht Mannschaftskämpfe und die Begleitung durch die verstärkte Orchester-Kapelle Heyland angekündigt [1, S. 273]. 

Abbildung 6: Programmzettel des Box-Großkampftages zwischen dem VfV und „Sparta“ Hannover im Städtischen Konzerthaus am 9. September 1932. Neben zwei Einleitungskämpfen waren acht Mannschaftskämpfe und die Begleitung durch die verstärkte Orchester-Kapelle Heyland angekündigt [1, S. 273].

 

Im Verlauf des Jahres 1932 löste Reinhold Liesegang nach heftigen vereinsinternen Auseinandersetzungen den langjährigen Vorsitzenden Ludwig Weiß ab. Grote verbindet diesen Wechsel ausdrücklich mit den Konflikten, die aus Weiß’ Entscheidung entstanden waren, im Arbeiter-Athletenbund zu verbleiben und die gemeinsame Sportarbeit innerhalb des bestehenden Verbandssystems fortzusetzen [2, S. 210]. Denecke bezeichnet Liesegang ebenfalls als KPD-Mitglied [1, S. 272]. Der Vorsitzwechsel war daher weniger ein einfacher politischer Richtungswechsel – auch Weiß wird als überzeugter Kommunist beschrieben [1, S. 201] – als vielmehr eine Auseinandersetzung über den verbandsorganisatorischen Kurs des VfV. Gegen Ende desselben Jahres scheint der VfV schließlich aus dem Arbeiter-Athletenbund ausgetreten zu sein [1, S. 272].

 

 Abbildung 7: „Reinhold Liesegang in seiner Ringerriege (Zweiter von links)“ [6, S. 56]

Abbildung 7: „Reinhold Liesegang in seiner Ringerriege (Zweiter von links)“ [8, S. 56]

 

Die Ablösung Weiß’ und der anschließende mutmaßliche Austritt aus dem nunmehr sozialdemokratisch geprägten Arbeiter-Athletenbund sprechen dafür, dass sich die Gegner seines bisherigen Kurses innerhalb des Vereins schließlich durchsetzten. Ob Liesegang darüber hinaus einen formalen Anschluss an die Rote Sporteinheit anstrebte, lässt sich anhand der bislang ausgewerteten Quellen nicht eindeutig belegen.

 

Zum Jahreswechsel 1932/33 trafen damit mehrere Entwicklungen zusammen: die Spaltung der Arbeitersportbewegung, die Schwächung des VfV durch interne Konflikte und die zunehmend existenzielle Bedrohung der organisierten Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus. Der unmittelbar folgende organisatorische Bruch stand damit sowohl im Zusammenhang mit den vorausgegangenen inneren Konflikten als auch mit der rasch wachsenden existenziellen Bedrohung der organisierten Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus.

Quellen zu diesem Abschnitt:

[1] V. Denecke, Die Arbeitersportgemeinschaft: Eine kulturhistorische Studie über die Braunschweiger Arbeitersportbewegung in den zwanziger Jahren, Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., Bd. 8 Duderstadt: Mecke 1990

[2] C. Grote, „Arbeiterboxer in der Weimarer Republik: Die Rezeption des Faustkampfes durch die Arbeitersportbewegung am Beispiel des Arbeiterboxsports in den Städten Hildesheim, Braunschweig und Hannover“, Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., S.199–219, Hoya, 1999

[7] H. Reinowski, Terror in Braunschweig: Aus dem ersten Quartal der Hitlerherrschaft, Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen, Verlag Sozialistische Arbeiter-Internationale, Zürich 1933

[8] Der Massenmord in Rieseberg 1933, 3., vollständig überarbeitete und ergänzte Aufl., Regionale Gewerkschaftsblätter, Heft 39. Braunschweig, 2010. Eingesehen im Stadtarchiv Braunschweig, Bibliothekssignatur Brosch. II 17.815.

 

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