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1921–1924

Die Entstehung des VfV

Zusammenschluss im Arbeitersport

Die Entstehung des Vereins für Volkssport vollzog sich innerhalb der sozialistischen Arbeitersportbewegung. Arbeitersport bedeutete dabei nicht, dass Arbeiter nur gemeinsam Sport trieben. Die Vereine verstanden sich als Teil der organisierten Arbeiterbewegung und als Alternative zum sogenannten bürgerlichen Sport. Im Mittelpunkt sollten eine breite Beteiligung, gemeinschaftliche Betätigung und solidarische Umgangsformen stehen, während die ausschließliche Förderung einzelner Spitzensportler kritisch gesehen wurde. In der sportlichen Praxis waren die Grenzen allerdings weniger scharf. So gewannen auch im Arbeitersport Wettkampf, Leistungsorientierung und herausragende Einzelleistungen zunehmend an Bedeutung [1, S. 181–186].

 

Die Entstehung des VfV fiel zugleich in eine Zeit organisatorischer Neuformierungen innerhalb des Braunschweiger Arbeitersports. Die ausgewerteten Darstellungen stimmen darin überein, dass der Sportklub „Freie Kraft“ und der Ring- und Stemmklub „Eintracht“ von 1899 beziehungsweise dessen Boxabteilung an der Bildung des VfV beteiligt waren [1, S. 272], [2, S. 206–207].

 

Dabei gingen offenbar nicht sämtliche Abteilungen der beteiligten Vereine im VfV auf. Die Fußballabteilungen schlugen andere organisatorische Wege ein. Deneckes Mitgliederstatistik verbindet die Fußballabteilung „Freie Kraft“ und den Fußballklub Wacker mit der um 1926/27 entstandenen „Spielvereinigung Wacker von 1912“. Der Fußballklub Rapid und eine Fußballabteilung Eintracht werden dagegen mit dem um 1924/25 entstandenen „Sportclub Eintracht von 1899“ in Verbindung gebracht [1, S. 253].

 

Dies spricht gegen eine vollständige Verschmelzung sämtlicher Vereinsbereiche. Grote nennt ausdrücklich den Sportklub „Freie Kraft“ und die Boxabteilung des Ring- und Stemmklubs „Eintracht“ als am Zusammenschluss beteiligt [2, S. 206–207]. Ob auch die Ringer und Gewichtheber geschlossen zum VfV wechselten, lässt sich aus den bislang ausgewerteten Quellen nicht eindeutig bestimmen, jedoch gehörten auch diese zu den später im VfV ausgeübten Sportarten [1, S. 95], [1, S. 272].

 

Auch das genaue Gründungsjahr ist nicht einheitlich überliefert: Denecke nennt 1921 [1, S. 272], eine Vereinsliste zur Geschichte des Arbeiter-Boxsports 1923 [3, S. 222] und Grote 1924 [2, S. 206–207]. Bis zum Fund einer zeitgenössischen Gründungsurkunde oder eines vergleichbaren Nachweises werden die Jahre 1921 bis 1924 deshalb als Entstehungsphase des VfV behandelt. 

 

 Abbildung 2: Undatierte Gruppenaufnahme, vermutlich aus dem Umfeld des VfV in den 1920er Jahren [4]. Die fünfte Person von links in der ersten stehenden Reihe wird aufgrund eines visuellen Vergleichs mit einer beschrifteten Porträtaufnahme wahrscheinlich als Rein-hold Liesegang identifiziert (eigene Identifizierung). Er wurde 1932 Denecke zufolge letzter Vorsitzender des VfV [1, S. 272]. Für eine Zuordnung zum Verein sprechen außerdem die quergestreiften Sporthemden, die auch auf weiteren VfV-Aufnahmen zu erkennen sind. An-lass und genauer Aufnahmezeitpunkt sind nicht bekannt. Abbildung 2: Undatierte Gruppenaufnahme, vermutlich aus dem Umfeld des VfV in den 1920er Jahren [4]. Die fünfte Person von links in der ersten stehenden Reihe wird aufgrund eines visuellen Vergleichs mit einer beschrifteten Porträtaufnahme wahrscheinlich als Reinhold Liesegang identifiziert (eigene Identifizierung). Er wurde 1932 Denecke zufolge letzter Vorsitzender des VfV [1, S. 272]. Für eine Zuordnung zum Verein sprechen außerdem die quergestreiften Sporthemden, die auch auf weiteren VfV-Aufnahmen zu erkennen sind. Anlass und genauer Aufnahmezeitpunkt sind nicht bekannt.

 

Unabhängig vom bislang ungeklärten genauen Gründungsjahr lässt sich das soziale Umfeld des neuen Vereins deutlicher fassen. Der neu entstandene Verein war in ein enges soziales Umfeld aus Wohnvierteln, Betrieben, Freundeskreisen und Familien eingebunden. Denecke zeigt, dass der Eintritt in einen Arbeitersportverein nicht immer das Ergebnis einer ausdrücklich politischen Entscheidung war. Häufig ergab er sich aus familiären Traditionen, persönlichen Kontakten oder aus dem eigenen Selbstverständnis als Arbeiter [1, S. 188–198].

 

Dies lässt sich auch für den VfV konkret erkennen. R. Schmelz fand über Straßenfußball und Kontakte zum Arbeiterfußball Zugang zur Arbeitersportbewegung. Als er später Interesse am Boxsport entwickelte, schloss er sich nach seiner Erinnerung beinahe selbstverständlich dem VfV an [1, S. 194]. W. Wenzel beschrieb dagegen, wie er sich während seiner Lehrzeit, trotz eines „teils zum konservativen neigenden Elternhaus“, seiner Lage als „Arbeiter“ bewusst und ihm klar wurde „wo man hingehört“. Obwohl für ihn verschiedene Boxvereine infrage kamen, entschied er sich bewusst für den Arbeitersportverein VfV [1, S. 196].

 

Damit erscheint der VfV nicht nur als Ergebnis eines organisatorischen Zusammenschlusses. Er wurde zugleich zu einem sozialen Ort, an dem sportliche Interessen, persönliche Beziehungen und die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung zusammenkamen.

 

Aus diesem organisatorischen und sozialen Umfeld entstand innerhalb weniger Jahre ein breit aufgestellter Verein, dessen Boxabteilung bald überregionale Bedeutung erlangte.

Quellen zu diesem Abschnitt:

[1] V. Denecke, Die Arbeitersportgemeinschaft: Eine kulturhistorische Studie über die Braunschweiger Arbeitersportbewegung in den zwanziger Jahren, Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., Bd. 8 Duderstadt: Mecke 1990

[2] C. Grote, „Arbeiterboxer in der Weimarer Republik: Die Rezeption des Faustkampfes durch die Arbeitersportbewegung am Beispiel des Arbeiterboxsports in den Städten Hildesheim, Braunschweig und Hannover“, Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., S.199–219, Hoya, 1999

[3] C. Grote und I. Horn, „Ergänzungen zu den Vereinslisten im Jahrbuch 1998“, Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V., Hoya, 1999, S. 221–225

[4] B. Wedemeyer-Kolwe, Niedersächsisches Institut für Sportgeschichte e.V., E-Mail an M. Kürzel, 2025. Anlage: [Abzüge aus dem Fotobestand von V. Denecke], unveröffentlicht.

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